Sie heisst Lara, ist 34, arbeitet in Genf in der Pharmaindustrie, mag Wandern und hat vier Wochen lang sehr aufmerksam geschrieben. Ihr Profilbild zeigt eine attraktive Frau mit dunklem Haar in einer typischen Schweizer Berglandschaft. Vier Wochen lang ging es um Hobbys, Pläne, Werte. Dann kam die kurze Notlage: ein Familienmitglied im Krankenhaus in Frankreich, dringend Geld für die Behandlung, später zurück. 8’000 Franken. Du überweist.
Lara existiert nicht. Das Profilbild ist KI-generiert, der Text der Nachrichten ebenfalls, und die 8’000 Franken sind in einem Krypto-Wallet gelandet, von dem sie nicht zurückkommen. Das BACS hat am 7. April 2026 gewarnt: Romance Scam wird mit KI perfektioniert und ist eines der schadensreichsten Phishing-Phänomene 2026.
Was sich geändert hat
Romance Scam – auch «Liebes-Betrug» oder «Sweetheart Swindle» – existiert seit den ersten Online-Dating-Plattformen. Das Muster war immer dasselbe: emotionale Bindung aufbauen, Vertrauen herstellen, dann Geld für eine Notlage erbitten, das nie zurückkommt. Was 2026 neu ist, sind die Werkzeuge.
KI-generierte Bilder. Profilbilder waren früher entweder gestohlene Fotos echter Personen (was sich rückwärts verifizieren liess) oder schlecht gemachte Photoshop-Versuche. Heute sind Bilder von Personen, die nicht existieren, in Sekunden zu erzeugen, fotorealistisch, mit konsistentem Hintergrund. Eine umgekehrte Bildersuche bei Google liefert keine Treffer – weil das Bild nirgendwo sonst existiert.
KI-gestütztes Schreiben. Eine Konversation mit einem Romance-Scammer dauert Wochen. Früher war das oft an sprachlichen Inkonsistenzen erkennbar – plötzlich englische Phrasen, falsche Idiomatik, nicht zur Region passende Begriffe. Heute generiert KI sprachlich perfekte Antworten in Schweizer Hochdeutsch, mit lokalen Bezügen, mit konsistenter Persönlichkeit über Wochen. Selbst Muttersprachler erkennen den Unterschied nicht zuverlässig.
Voice und Video. «Lass uns kurz telefonieren» oder «Können wir mal ein Videocall machen» war früher der Moment, an dem Romance Scams aufflogen. Heute gibt es Echtzeit-Voice-Cloning und Real-Time-Video-Deepfakes. Sie sind nicht perfekt, aber bei schlechter Verbindung oder ungünstigem Licht oft gut genug, um Skepsis zu zerstreuen.
Wo das passiert
Romance Scammer sind 2026 auf praktisch allen Plattformen aktiv:
- Dating-Plattformen: Tinder, Parship, ElitePartner, Bumble, hinge.
- Soziale Medien: Facebook, Instagram, TikTok, neuerdings auch LinkedIn (mit «geschäftlicher Annäherung» als Tarnung).
- Spezielle Communities: Plattformen für ältere Menschen, Witwer-Verwitwete-Foren, Wanderer-Gruppen, Sport-Communities.
- WhatsApp und Telegram: nach erstem Kontakt auf einer Plattform wechseln viele Scammer auf private Messenger, weil dort weniger Schutzmechanismen greifen.
Schweizer Statistik 2025: durchschnittlicher Schaden pro Romance-Scam-Vorfall: über 30’000 Franken. Höhere Beträge sind die Regel, nicht die Ausnahme – weil emotionale Bindung über Monate aufgebaut wird, ist die Hemmschwelle, «noch einmal» Geld zu schicken, oft niedrig.
Das emotionale Muster
Romance Scam funktioniert auch 2026 nicht über Technik, sondern über Emotion. Das Muster bleibt:
- Erste Phase (Wochen 1-2): angenehme, oberflächliche Konversation. Aufmerksamkeit, Komplimente, Übereinstimmungen in Hobbys und Werten. Keine Geld-Themen.
- Zweite Phase (Wochen 3-6): Vertiefung. Persönliche Geschichten, gemeinsame Pläne («wenn ich endlich in der Schweiz bin», «wir sollten zusammen reisen»), kleine Geheimnisse, emotionale Nähe.
- Dritte Phase (ab Woche 6+): erste kleine Geld-Bitte, oft als Notlage formuliert. Verlängerung, Eskalation, gelegentliches Versprechen («nur noch dieses eine Mal, dann komme ich zu Dir»).
- Vierte Phase: bis das Opfer aufhört zu zahlen oder kein Geld mehr hat. Dann verschwindet der Kontakt.
Was Du vor jeder Beziehung im Internet machen solltest
Bilder rückwärts suchen. Bei jeder Person, die Du online kennenlernst, das Profilbild durch Google Lens oder TinEye laufen lassen. Wenn das Bild auf 50 anderen Profilen mit unterschiedlichen Namen auftaucht: gestohlen. Wenn nirgendwo: möglicherweise KI-generiert (oder einfach nur eine private Person, das ist nicht direkt verdächtig).
Spontane Videocalls. Frag früh nach einem Videocall. Wenn die Person Wochen lang Ausreden findet (kaputte Kamera, schlechte Verbindung, «ich bin schüchtern»), ist das ein Warnsignal. Wenn der Videocall stattfindet, achte auf Ungereimtheiten: nicht synchrone Lippenbewegungen, ungewöhnliche Lichtverhältnisse, zu glattes Gesicht. Echtzeit-Deepfakes sind 2026 möglich, aber unter Stress (überraschende Fragen, schnelle Bewegungen) oft erkennbar.
Frag nach Konkretem aus der Alltagswelt der Person. «Wo isst Du am liebsten in Deinem Quartier?» «Welcher Bus fährt am nächsten zu Deinem Büro?» Konkrete Antworten mit lokalem Wissen sind schwer zu fälschen. Allgemeine, ausweichende Antworten («oh, viele schöne Restaurants hier») sind verdächtig.
Skepsis bei jeder Geld-Bitte. Wirklich jeder. Auch wenn die Geschichte plausibel klingt. Auch wenn Du das Gefühl hast, die Person gut zu kennen. Wer im Internet Geld von Dir leihen will, bevor ihr Euch im echten Leben getroffen habt, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit Scammer.
Wenn schon was passiert ist
Bei finanziellem Schaden:
- Sofort die Bank anrufen. Wenn die Überweisung gerade erst erfolgt ist, gibt es manchmal die Möglichkeit eines Rückrufs.
- Polizei einschalten. Romance Scam ist Betrug, das ist strafbar. Eine Anzeige bringt das Geld selten zurück, aber sie hilft, andere Opfer zu schützen.
- BACS / antiphishing.ch melden – damit fliessen die Daten in die Statistik und Plattformen können das Profil schneller blockieren.
- Mit Familie oder Freunden reden. Romance Scam-Opfer schämen sich oft und schweigen. Das Schweigen verlängert den Schaden, weil oft weiter gezahlt wird. Reden mit einer vertrauenswürdigen Person ist der erste Schritt zum Stopp.
- Plattformen melden – das Profil sperren lassen, damit nicht andere auf dieselbe Masche reinfallen.
Was Du Familie oder Freunden helfen kannst
Romance Scam trifft besonders oft ältere Menschen, frisch Verwitwete, Menschen in Lebensumbrüchen. Wenn Du jemanden kennst, der eine «neue Online-Beziehung» hat, die nach den oben genannten Mustern wirkt – nicht direkt anklagen («das ist ein Betrüger!»), sondern Fragen stellen:
- «Hast Du sie schon mal in echt gesehen?»
- «Hat sie um Geld gebeten?»
- «Was würdest Du sagen, wenn sie morgen nicht mehr antworten würde?»
Das Erkennen muss von der Person selbst kommen. Direkter Vorwurf führt meist dazu, dass das Opfer den Kontakt zur warnenden Person abbricht – nicht zum Scammer.
Drei Sätze zum Mitnehmen
KI-perfektionierte Profilbilder und Konversationen machen Romance Scam 2026 deutlich gefährlicher. Bilder rückwärts suchen, frühe Videocalls, Skepsis bei jeder Geldbitte – das sind die Reflexe. Und wenn jemand in Deinem Umfeld eine «Online-Beziehung» hat, die nach Geld fragt: nicht anklagen, fragen.
Quelle: NCSC – BACS Bundesamt für Cybersicherheit, Meldung vom 07.04.2026: «Romance Scam im Wandel – Mit KI zur perfekten Täuschung» (ncsc.admin.ch).